Voll krass ernst

Ein neoliberales Propagandablatt verkauft sich als „studentisches Campusmagazin“ an der Berliner Freien Universität

Wladek Flakin
An der Freien Universität Berlin tobt ein Pressekrieg. Die FU ist irgendwie links – es gibt Alt-68er wie den ehemaligen Professor Peter Grottian, einen Rudi- Dutschke-Weg auf dem Campus und die absolute Mehrheit von „unabhängigen linken Listen“ im Studierendenparlament. Auch wenn das politische Leben in erster Linie durch Apathie gekennzeichnet ist – die Wahlbeteiligung liegt etwas über zehn Prozent – spüren FU-StudentInnen immer noch eine „linkskulturelle Hegemonie“, wie ein Aktivist gegenüber jW äußerte. Das finden allerdings viele nicht gut – zum Beispiel der FU-Präsident Dieter Lenzen (Mitglied der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft), dessen Veranstaltungen regelmäßig vom satirischen „Dieter-Lenzen-Fanclub“ gestört werden. Aber auch der Nachwuchs der FDP an der FU, die Liberale Hochschulgruppe (LHG), ist unzufrieden. „Bisher wird die studentische Medienlandschaft von allzu einseitigen AStA-Publikationen dominiert“, meint LHG-Mitglied Bjoern Stephan. In diesem Fall heißt „einseitig“ einfach „links“, denn die Zeitschrift des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA), Out of Dahlem, ist tatsächlich mit linken Inhalten gefüllt.

Genau vor diesem Hintergrund erscheint das „studentische Campusmagazin der FU“ mit dem Namen Furios. Die Redaktion versteht sich als unabhängig und will auch keine eigene politische Linie haben. Deswegen lohnt sich erst mal ein Blick auf die Sponsoren: Neben kleinen Läden in der Nähe des Unigeländes zählen die Berliner Imagekampagne „be berlin“ und die Druckerei Laserline dazu, die die Hochglanzzeitschrift mit erheblichem Rabatt druckt. Aber die größte Geldgeberin für FURIOS ist die Ernst-Reuter-Gesellschaft, die Vereinigung der ehemaligen FU-Studierenden. Diese Gesellschaft hat nicht nur die gleiche Anschrift wie das Uni- Präsidium, in ihrem Vorstand sitzen der erwähnte Lenzen, der CD-Politiker Friedbert Pflüger, der SPD-Politiker Walter Momper und eine Reihe von Unternehmen. Dieser „Altherrenklüngel“ macht es möglich, daß 5.000 Exemplare der Furios kostenlos verteilt (und die Hälfte davon in den Müll geworfen) werden. Die Blattlinie der Furios läßt sich logisch daraus ableiten. Zum Beispiel heißt es auf der jüngsten Titelseite: „Unternehmer: Die Bessermacher“. Daneben grinst ein Jungkapitalist im Superman-Kostüm. „Es scheint doch eine normale studentische Zeitschrift zu sein“, meint ein Physik-Student mit Dreadlocks, als er das Heft das erste Mal sieht. Aber die Titelseite, so wird ihm erklärt, ist nicht ironisch gemeint. „Ach so? Die meinen das ernst? Krass!“ korrigiert er sich. Denn auf einem halben Dutzend Seiten wird erklärt, daß der Freien Universität nicht nur UnternehmerInnengeist, sondern auch Unternehmen fehlen. Dabei stellt das neoliberale Propagandablatt die fortschreitende Privatisierung der Bildung so dar, als würde es um eine Reihe unterhaltender Wettbewerbe gehen, nicht um eine Methode der sozialen Auslese.

Weitere Traditionsthemen der Neoliberalen dürfen ebenfalls nicht fehlen: So darf Dieter Lenzen in einem zweiseitigen Interview gegen die studentische Mitbestimmung argumentieren – aus Effizienzgründen ist er dagegen, versteht sich. Seine wiederholt geäußerte Vorliebe für die „Intelligent Design“- Theorie (der christlich-fundamentalistische Gegenentwurf zur Evolutionstheorie), die ihn in den Augen des Studierendenparlaments als Leiter einer wissenschaftlichen Institution disqualifiziert, wird dagegen im „Studentenmagazin“ nicht thematisiert. Statt dessen polemisiert die Furios gegen den AStA, weil dieser so bescheuert links sei!

Obwohl die Redaktion keine rechten Tendenzen bei sich erkannt haben will („Ich glaube, eine von uns ist bei den Jusos“, meint Herausgeberin Claudia Schumacher), scheint das Blatt nach rechts keine Grenzen zu kennen: Schon im ersten Heft im Dezember gab es ein ausführliches Gespräch mit Eberhard Zahn, der bereits 1968 einer der prominentesten Rechten an der FU war. Als Teil der „Notgemeinschaft FU“ war er in den achtziger Jahren dafür verantwortlich, daß linke Einflüsse an Berlins größter Universität bekämpft wurden, indem man zum Beispiel schwarze Listen mit linken AktivistInnen erstellte und an die Geheimdienste weiterleitete.

Doch die Furios-Redaktion weiß, daß sich die meisten StudentInnen für rechte Inhalte noch weniger interessieren als für linke – die miserablen Wahlergebnisse der studentischen Ableger von FDP und CDU an der Uni sprechen für sich. Deswegen besteht ein Großteil der Zeitschrift aus belanglosem Trallala: Wer sich schon immer gefragt hat, ob in den Dahlemer Villen neben der Universität langweilige Bonzen leben, kann durch eine ausführliche Furios- Reportage die Antwort erfahren: Ja. Auch den eher erfolglosen Umtrieben christlicher Sekten an der FU wird ein Artikel gewidmet und deren „Selbstbewußtsein“ bewundert.

Eine sozialwissenschaftliche Studie von der Universität Konstanz am Anfang des Jahres attestierte, daß Studierende heute weit mehr als vor 20 Jahren „teilnahmslos“ und politisch desinteressiert sind. Doch der Bildungsstreik, an dem auch Tausende FU-StudentInnen teilnahmen, machte wieder klar, daß StudentInnen sich noch bewegen lassen – und das obwohl eine gewisse Hochglanzzeitschrift gegen den Streik hetzte.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2009/07-10/018.php
(c) Junge Welt 2009

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2 Gedanken zu “Voll krass ernst

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