Debatte: Demokratie und Kommunismus

Wir haben einen Leser*innenbrief zum Artikel D wie Demokratie erhalten. Im Folgenden veröffentlichen wir die Diskussion; und werden sie auch mit jeder Antwort aktualisieren.

Es grüßt ein Bremer Kommunist!…

…dem euer Demokratieverständnis Sorgen bereitet. Die Demokratie ist – genau wie die Alleinherrschaft oder die Oligarchie z.B. – eine Herrschaftsform. Gegen Herrschaft habe ich generell etwas einzuwenden, denn: Herrschen heißt Willen brechen!

Die Demokratie hat mit Kommunismus gar nichts zu tun! Wenn man Demokratie als „Entscheidungsmacht“ oder sowas zusammen fasst, na gut, aber das trifft die Demokratie in ihrem Wesen einfach nicht! Die Demokratie kommt als die beste Form bürgerlicher Herrschaft daher, die sich dadurch auszeichnet, eine unfassbar große Potenz zum Zustimmung-zur-Herrschaft-bei-seinem-Volk-einholen zu haben. Da hab ich doch was gegen!

Oder genauer nachzulesen:
http://gegenstandpunkt.com/gs/1994/1/gs19941005h2.html

————————————————————————————————————–

Hallo,

und vielen Dank für den Leser*innenbrief. Bitte entschuldige die späte Antwort.

Wir haben den Eindruck, dass Deine Kritik unseren Artikel-Inhalt verfehlt. Wir schlagen Rätedemokratie nicht für den Kommunismus vor. Sie ist ein Mittel für die Übergangsgesellschaft des Sozialismus.

Soviel ist für uns klar: Demokratie ist eine Herrschaftsform der Bourgeoisie, die besonders in imperialistischen Ländern ideal wirkt (von einigen Krisenzeiten mal abgesehen). Denn erstens kann sich der bürgerliche Staat weniger gegenüber den Kapitalist*innen herausnehmen, als in seinen bonapartistischen Tagen. Zweitens stiftet sein Wahlzirkus permanent reformistische Ideologie bei den Lohnabhängigen.

Wir denken auch, dass sich Revolution nicht wählen lässt: Indem weder der bürgerliche Staat, noch das von ihm gestiftete Privateigentum zur Abwahl stehen, bleiben kapitalistische Sachzwänge bestehen, die weder Venizelos noch Obama oder Gisy wegreformieren können.

Trotzdem denken wir, dass wir in dem Artikel „D wie Demokratie“ mit gutem Grund für (Räte-)Demokratie Stimmung machen.

So geht es uns bei heutigen Kämpfen um Streikdemokratie, Demokratie an der Hochschule etc. nicht nur darum, ein „Vorbild“ für die Rätedemokratie aufzustellen, sondern auch konkret darum, dass fortschrittliche Sektoren Erfahrungen machen, den verräterischen Charakter der Bürokratie zu entlarven, ihr Selbstbewusstsein als Arbeiter*innen zu stärken usw. In diesem Sinne haben demokratische Kämpfe für uns auch die Bedeutung der Herausbildung von Bewusstsein und einer Arbeiter*innenavantgarde.

Beim Kampf um die Demokratie geht’s des Weiteren darum, dass die Arbeiter*innenklasse gegen die Kapitalist*innen die Hegemonie der anderen unterdrückten Klassen und Schichten gewinnt; als ganz praktische Notwendigkeit der Revolution. Mit Lenins Worten muss das Proletariat „der Volkstribun sein, der es versteht, auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen mögen[…]“ (aus Was tun?)

Und dann geht es uns noch um Rätedemokratie als Herrschaftsform der Übergangsgesellschaft zum Kommunismus: Die aufbegehrenden Kommunist*innen und Lohnabhängigen herrschen der herausgeforderten Bourgeoisie und ihren Anhänger*innen die sozialistischen Voraussetzungen des kommunistischen Gesellschaftsziels auf. Dazu müssen Entscheidungen getroffen werden, die rätedemokratische „Entscheidungsmacht“ als Mittel zum Zweck nötig machen werden. Solche Rätedemokratie wird als allgemein-ideelle Form der Diktatur des Proletariats jedoch weder den Zwecken der bürgerlichen Demokratie dienen, noch wird sie so herrschaftsfrei sein, wie der Kommunismus.

Die Rätedemokratie ist also ein revolutionäres Mittel heutiger Kämpfe zum Zweck einer ganz „undemokratischen“, weil herrschaftsfreien kommunistischen Gesellschaft. Zugegeben, das hätten wir in dem ABC-Artikel eindeutiger formulieren können.

Dass Herrschaft als Mittel revolutionärer Praxis für den Übergang zum Kommunismus nötig ist und die richtige Kritik des Kapitalismus bloß ein weiteres Mittel dieser Praxis, sagt ja schon das Marx-Zitat in unserem Werbetext: „Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Gerne wollen wir an dieser Stelle auch Lenins Broschüre Staat und Revolution bewerben, die sich mit genau dem Thema auseinandersetzt.

Revolutionäre Grüße,

WAFFENDERKRITIK

Advertisements

3 Gedanken zu “Debatte: Demokratie und Kommunismus

  1. Ärgerlich, der vom „Bremer Kommunist“ gegebene Link funktioniert gar nicht. Wer sich die Zeit zum Lesen des Artikels zu Wahl und Demonkratie nehmen will, probiere es mal damit:
    http://www.gegenstandpunkt.com/gs/1994/1/inhalt19941.html
    Und zum Inhalt des „Gegenargumentes“:
    „Die Rätedemokratie ist also ein revolutionäres Mittel heutiger Kämpfe zum Zweck einer ganz „undemokratischen“, weil herrschaftsfreien kommunistischen Gesellschaft. Zugegeben, das hätten wir in dem ABC-Artikel eindeutiger formulieren können.“ – Auf welche heutige Kämpfe bezieht ihr euch eigentlich? Venezuela? Kuba? Oder verortet ihr denn herrschaftsfreie kommunistische GEsellschaften? Es fällt mir schwer, eure Argumentation nachzuvollziehen.

    1. Ich denke, dass Kuba ein degenerierter ArbeiterInnenstaat ist, also ein stalinistischer Staat, in dem das Privateigentum an Produktionsmitteln abgeschafft wurde, eine privilegierte Bürokratie die politische Macht monopolisiert. Die kubanische Regierung versucht gerade, den Kapitalismus wieder einzuführen, aber hat das noch nicht geschafft.

      Venezuela dagegen ist ein kapitalistischer Staat, der das Privateigentum an Produktionsmitteln verteidigt. Es hat nur einige plebejisch-populistische Elemente.

      Also kommunistische Gesellschaften sehen wir nirgendwo in der heutigen Welt. Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft, kann auch nur auf weltweiter Ebene erreicht werden.

      Wir sehen aber Ansätze für demokratische Selbstorganisierung der Unterdrückten, also Keimforme von Räten, in jeder Protestbewegung. Schon die Versammlungen im Studi-Streik sind ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

      Was meinst du?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s