Marxismus oder Postkolonialismus?

General-Strike-Indiavon Wladek Flakin, FU Berlin, Geschichte

// Eine kritische Auseinandersetzung mit den postcolonial studies //

Es ist der linkeste Ansatz, der heutzutage an der Universität zu finden ist: Während die neoliberalen Dogmen versichern, dass die Welt mehr oder weniger in Ordnung ist, prangern die postcolonial studies die Hinterlassenschaften des Kolonialismus an. Neoliberale Ideolog*innen loben Westeuropa und die USA als Hort der Freiheit, während postkoloniale Theoretiker*innen aufzeigen, dass der Westen nur deswegen so reich ist, weil er den Rest der Welt ausplündert. Zwischen postkolonialen und revolutionär-marxistischen Ansätzen gibt es viele Berührungspunkte. Aber es gibt noch mehr Differenzen, und im Sinne einer solidarischen Debatte präsentieren wir diese Kritik.
Gemeinsamkeiten

Eine Grundannahme der postcolonial studies ist, dass die Dekolonisierungsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen dem „Westen“ und dem Rest der Welt nicht beendeten, sondern lediglich neu strukturierten: Die in die Unabhängigkeit entlassenen Länder „bewegten sich von einem kolonialen zu einem autonomen, postkolonialen Status“, wie der postkoloniale Autor Robert J.C. Young es ausdrückt, „eine relativ kleine Verschiebung von direkter zu indirekter Herrschaft“.[1] Der Marxist W.I. Lenin ging noch vor dem Ersten Weltkrieg von der Möglichkeit indirekter imperialistischer Herrschaft aus: Für dieses Verhältnis entwickelte er den Begriff der „Halbkolonie“.[2] Die Kommunistische Internationale (1919-1943) erklärte den Kampf gegen alle Formen imperialistischer Herrschaft – ob direkt oder indirekt – zu einer grundlegenden Aufgabe für die Befreiung der Arbeiter*innen und Unterdrückten auf der gesamten Welt. Wenn Young die postkoloniale Politik als „in erster Linie das Recht auf autonome Selbstregierung“ beschreibt[3], dann klingt das ähnlich wie die Forderung nach dem „Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Nationen“ von der Kommunistischen Internationale[4], wobei für die Kommunist*innen die bedingungslose Verteidigung dieses Rechts nicht ein Ziel, sondern lediglich ein Mittel im Kampf für die sozialistische Weltrevolution war.

Darüber hinaus versteht sich der Postkolonialismus als „eine Politik und eine Philosophie des Aktivismus, die die Ungleichheit bekämpft“.[5] Der Marxismus hebt sich, in den Worten seines Gründers, von anderen Philosophien dadurch ab, dass er mit dem Imperativ verbunden ist, in das Analysierte auch einzugreifen: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern.“[6] Die Theorie soll, sowohl bei postkolonialen wie bei marxistischen Ansätzen, auf den Erfahrungen der Kämpfe gegen die Unterdrückung basieren. Young beruft sich auf „Wissen, das im Laufe der antikolonialen Bewegungen ausgearbeitet wurde“,[7] während Lenin den Marxismus als die „Zusammenfassung der Erfahrung“[8] der Arbeiter*innenbewegung beschreibt. Es handelt sich also um zwei Philosophien, die die Kämpfe der Unterdrückten zu synthetisieren versuchen – allerdings mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

Theorie

Wo unterscheiden sich beide Strömungen? Bei den postcolonial studies handelt es sich nicht um ein einheitliches Theoriegebäude, sondern um eine breites Spektrum verschiedener Ansätze. Für diese Diskussion werden wir die bereits erwähnte „Introduction“ nehmen. Young beantwortet die Frage hauptsächlich mit dem Vorwurf, dass der Postkolonialismus „für die Rechte und die Bedürfnisse aller subalternen Menschen“ eintreten würde, „nicht nur für jene Industriearbeiter, die als Arbeiterklasse klassifiziert werden“[9]. Aber wer sagt, dass Marxist*innen nur manche Industriearbeiter*innen zur Arbeiter*innenklasse zählen? Friedrich Engels für seinen Teil definiert den Begriff „Proletariat“ als die Gesamtheit der Lohnabhängigen.[10] Bemerkenswert ist, dass im Jahr 2012 die Klasse der Lohnabhängigen 3,3 Milliarden Menschen umfasste, d.h. knapp die Hälfte der Weltbevölkerung.[11] Doch Marxist*innen kämpfen tatsächlich gegen alle Formen der Unterdrückung, d.h. gegen Sexismus, Rassismus, Homophobie usw.[12] Wir sehen das Proletariat allerdings als „universelle Klasse“ (Marx), das wegen seiner Rolle im Produktionsprozess allein in der Lage ist, alle Unterdrückten im Kampf zum Sturz des Kapitalismus zu vereinen.

Manche Theoretiker*innen der postcolonial studies argumentieren, dass postkoloniale Unterdrückung im „Reich der Ideen“ anzusiedeln (und dort auch zu bekämpfen) ist. Ashsis Nandy spitzt diese Position folgendermaßen zu: „der Kolonialismus ist in erster Linie eine Frage des Bewusstseins und muss letztendlich in den Köpfen der Menschen besiegt werden.“[13] Auch wenn andere Postkolonialist*innen diese These abschwächen und von einem undefinierten Zusammenspiel ideologischer und materieller Faktoren sprechen, sieht auch Young die Praxis als Versuch, „das Denken der Menschen zu verändern.“[14] Der Marxismus stellt diesem philosophischen Idealismus, einen philosophischen Materialismus entgegen: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“15 So ist der Rassismus der ideologische Ausdruck der jahrhundertelangen und anhaltenden Unterdrückung nicht-weißer Menschen (und nicht deren Ursache). Das bedeutet, dass der Rassismus letztendlich nur durch die Zerschlagung der imperialistischen Abhängigkeitsverhältnisse in der Welt besiegt werden kann. Oder wie das Marx in seinem Kampfspruch gegen die idealistischen Junghegelianer formulierte: „die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt“.[16] Dieser philosophische Unterschied führt zu großen politischen Differenzen.

Politik

Postkoloniale Autor*innen orientieren sich an Bewegungen der Bauern/Bäuerinnen wie die Bewegung der Landlosen (MST) aus Brasilien – „ein Modell postkolonialer Politik“ – und die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) aus Mexiko. Laut Young stößt die „Agrarfrage auf taube Ohren bei westlichen Revolutionären“.[17] Man fragt sich, ob ein Akademiker die Russische Revolution mit ihrer Parole von „Frieden, Land, Brot“ und die gesamte marxistische Auseinandersetzung mit der Agrarfrage wirklich übersehen hat. Marxist*innen versuchen, unterdrückte Bauern/Bäuerinnen für ein Bündnis unter Führung der Arbeiter*innenklasse für die sozialistische Revolution zu gewinnen (wie es in der Oktoberrevolution zu Stande kam). Darüber hinaus hat zum Beispiel der peruanische Marxist Jose Carlos Mariátegui die Unterdrückung der Indigenen in Peru aus der Bodenbesitzstruktur heraus erklärt und dagegen ein revolutionäres Programm formuliert.[18]

Dagegen setzen postkoloniale Autor*innen oft auf reformistische Regierungsprojekte, wie zum Beispiel auf den 2003 gewählten brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio da Silva.[19] „Lulas“ Präsidentschaft wirft die Frage auf, ob eine reformistische Regierung eines halbkolonialen Staates – selbst vor dem Hintergrund des beispiellosen Wirtschaftswachstums in Brasilien während seiner beiden Amtsperioden – die tiefe Abhängigkeit des Landes vom Westen oder die tiefe soziale Ungleichheit im Land selbst überwinden oder auch nur ernsthaft verändern könnte. Auch die Arbeit von Wohltätigkeitsorganisationen aus imperialistischen Ländern wird manchmal – gerade bei Young – unkritisch gepriesen, ohne zu hinterfragen, ob es neben den militärischen Apparaten zur postkolonialen Unterdrückung auch noch „karitative Apparate“ gibt, die eine ähnliche Aufgabe erfüllen. So bleibt eine konkrete „postkoloniale Politik“ auf eine Allianz aus reformistischen Politiker*innen der „Dritten Welt“, Nicht-Regierungs-Organisationen aus dem „Westen“ und Literaturkritiker*innen an den Universitäten beschränkt.
Trotzkismus

In einem Satz finden wir auch eine Polemik des Postkolonialismus gegen den Trotzkismus: „Der exilierte Trotzki führte die Vierte Internationale, mit einer Ideologie der ‚ungleichen und kombinierten Entwicklung‘, die Gebiete unter kolonialer Herrschaft als ‚ihrer Natur nach rückständig‘ ansah.“[20] Das könnte so interpretiert werden, dass Trotzki diese Rückständigkeit als naturgegeben und von daher unüberwindbar sah. Doch im Gründungsprogramm der Vierten Internationale heißt es direkt im Anschluss: „Aber diese rückständigen Länder leben unter den Bedingungen der Weltherrschaft des Imperialismus. Deshalb hat ihre Entwicklung einen kombinierten Charakter: sie vereinigt die primitivsten Wirtschaftsformen mit der letzten Errungenschaften der kapitalistischen Technik und Zivilisation.“[21]

Was bedeutet das? Im Marxismus der Zweiten Internationale (1889-1914) dominierte die Vorstellung, dass jede Gesellschaft zwangsläufig verschiedene Etappen durchmachen musste (vom Feudalismus über den Kapitalismus zum Sozialismus). Nach dieser Theorie war eine längere Entwicklung des Kapitalismus in einem Land notwendig, um die Voraussetzungen für den Sozialismus zu schaffen. Diese Vorstellung ist aber nicht aus den Schriften von Marx und Engels abzuleiten. So fragten sie sich nach der gescheiterten Revolution von 1848, warum die deutsche Bourgeoisie nicht in der Lage gewesen war, den Kampf gegen den Feudalismus bis zum Ende durchzuführen, wie es ihr französisches Pendant 1789 gemacht hatte. Die deutschen Besitzbürger*innen mussten in ihrem Kampf gegen den Feudalismus auch ihre eigenen Privilegien gegen das Proletariat verteidigen, das im Vergleich zu 1789 viel stärker geworden war. Deshalb schreckten die deutschen Bourgeois vor einer revolutionären Mobilisierung der Massen zurück und paktierten stattdessen mit der alten Ordnung. In der Folgezeit wurden bürgerliche Verhältnisse in manchen Ländern durch die feudalen Herrscher*innen selbst eingeführt, was Engels als „Revolutionen von oben“ beschrieb. Daraus schlussfolgerten Marx und Engels, dass nur die Arbeiter*innen die bürgerliche Revolution zu Ende führen könnten, womit sie gleich zur sozialistischen Revolution übergehen würden – in einem Prozess der „Revolution in Permanenz“.[22]

Als Teil der Auswertung der Russischen Revolution von 1905 knüpfte der junge Marxist Leo Trotzki an diese Idee an und stellte fest, dass das rückständige Russland einen kombinierten Charakter hatte: „Gezwungen, den fortgeschrittenen Ländern nachzueifern, hält das rückständige Land die Reihenfolge nicht ein: […] Die Wilden vertauschen den Bogen gleich mit dem Gewehr, ohne erst den Weg durchzumachen, der in der Vergangenheit zwischen diesen Waffengattungen lag. […] Die Entwicklung einer historisch verspäteten Nation führe notgedrungen zu eigenartiger Verquickung verschiedener Stadien des historischen Prozesses.“[23] Konkret hieß das, dass Russlands rückständige feudale Institutionen mit modernen kapitalistischen Strukturen verwoben waren, sodass nicht die schwache russische Bourgeoisie, sondern nur das kleine, aber konzentrierte Industrieproletariat die Revolution gegen den Zarismus führen konnte. Nur die sozialistische Revolution würde also die bürgerliche Revolution zu Ende führen können – Trotzki sprach deswegen von der Notwendigkeit eines Prozesses der „permanenten Revolution“. Daraus folgte für Trotzki also nicht, dass die Massen in einem rückständigen Land auf Revolutionen in weiterentwickelten Ländern zu warten hätten – im Gegenteil zeigte seine gesamte politische Praxis, wie in Russland als „schwächstes Glied der kapitalistischen Kette“[24] eine sozialistische Revolution Erfolg haben und gleichzeitig revolutionäre Prozesse in weiterentwickelten Ländern vorantreiben könnte. Diese Theorie bestätigte sich durch die sozialistische Revolution im rückständigen Russland, die revolutionäre Prozesse in entwickelteren kapitalistischen Ländern wie Deutschland vorangetrieben hat.

Zusammenfassung

Wir teilen die Wut der postcolonial studies: Milliarden Menschen sind zu Hunger und Elend verurteilt, obwohl die menschliche Zivilisation reicher ist als je zuvor; die Mehrheit der Weltbevölkerung muss arbeiten, oft unter unmenschlichen Bedingungen, um den Reichtum einer kleinen Minderheit zu vermehren; und der Kolonialismus gehört keineswegs der Vergangenheit an, sondern lebt mit einem etwas anderen Gesicht – „Kolonialtruppen“ heißen jetzt „humanitäre Interventionen“ – weiter.

Doch mit dem postcolonial studies sind wir uns nicht einig darüber, woher diese Ungleichheit kommt. Wir denken nicht, dass es sich in erster Linie um eine Einstellung handelt, die durch Literaturkritik zu beseitigen wäre. Wir denken, dass der Imperialismus diese Ungleichheit ständig reproduziert. Arbeiter*innen in den armen Ländern der Welt werden dazu gezwungen, die Profite imperialistischer Konzerne zu erwirtschaften. Wenn diese Arbeiter*innen sich organisieren und mittels einer sozialistischen Revolution die Produktionsmittel vergesellschaften, können wir die Abhängigkeitsverhältnisse und die Hinterlassenschaften des Kolonialismus – und alle reaktionären Ideologien, die damit verbunden sind – endlich beseitigen. Deswegen kämpfen wir für eine revolutionäre Internationale – für den Wiederaufbau der von Trotzki gegründeten Vierten Internationale – um das internationale Proletariat zu vereinigen.

Fußnoten

1. Robert J.C. Young: Postcolonialism: A Very Short Introduction. New York 2003. S. 3. (Eigene Übersetzung.)

2. „Was die ‘halbkolonialen’ Staaten betrifft, so sind sie ein Beispiel für jene Übergangsformen, die uns auf allen Gebieten der Natur und der Gesellschaft begegnen. Das Finanzkapital ist eine so gewaltige (…) Macht (…) in allen internationalen Beziehungen, daß es sich sogar Staaten unterwerfen kann und tatsächlich auch unterwirft, die volle politische Unabhängigkeit genießen“. In: W.I. Lenin: Der Imperialismus als hööchstes Stadium des Kapitalismus.

3. Young. S. 113. (Eigene Übersetzung.)

4. W.I. Lenin: Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen. Thesen.

5. Young. S. 4. (Eigene Übersetzung.)

6. Karl Marx: Thesen über Feuerbach. (Hervorhebung im Original.)

7. Young. S. 20. (Eigene Übersetzung.)

8. W.I. Lenin: Staat und Revolution. An anderer Stelle schreibt er: „Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln“. Ebd.: Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus.

9. Young. S. 108. (Eigene Übersetzung.)

10. „Unter Bourgeoisie wird die Klasse der modernen Kapitalisten verstanden, die Besitzer der gesellschaftlichen Produktionsmittel sind und Lohnarbeit ausnutzen. Unter Proletariat die Klasse der modernen Lohnarbeiter, die, da sie keine eigenen Produktionsmittel besitzen, darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um leben zu können.“ In: Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei.

11. International Labour Office: Global Employment Trends. Genf 2012. S. 31.

12. Marxist*innen müssen es verstehen, „auf alle Erscheinungen der Willkür und Unterdrückung zu reagieren, wo sie auch auftreten mögen, welche Schicht oder Klasse sie auch betreffen möögen“. In: W.I. Lenin: Was tun?

13. Ashis Nandy: The Intimate Enemy. Loss and Recovery of Self under Colonialism. New Dehli 2010. S. 63.

14. Young. S. 7. (Eigene Übersetzung.)

15. Karl Marx: Zur Kritik der politischen Ökonomie.

16. Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung.

17. Young. S. 48-50. (Eigene Übersetzung.)

18. Jose Carlos Mariategui: „The Problem of the Indian“. In: Seven Interpretative Essays on Peruvian Reality. Austin 1971.

19. Young. S. 48-49.

20. Sharad Chari / Katherine Verdery: „Thinking between the Posts: Postcolonialism, Postsocialism, and Ethnography after the Cold War“. In: Comparative Studies in Society and History. 51 (01). 2009. S. 6-34.

21. Leo Trotzki: Das Übergangsprogramm. (Hervorhebung im Original.)

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