Kunst ist unentbehrlich, um Massen zu polarisieren und zu lenken

Von Sophie Schmidt, FU Berlin, Kunstgeschichte

Alle Gesellschaften nutzen die Kunst, um die Position der Herrschenden zu festigen. Dies tritt nicht nur in den barocken Herrscherportraits zu Tage, die einem bei dieser Aussage vermutlich als erstes in den Sinn kommen. Genauso verhält es sich auch mit der Epoche des sogenannten sozialistischen Realismus. Der Begriff wurde schon in den zwanziger Jahren verwendet, aber vornehmlich von Stalin geprägt.

Ursprünglich sollte er für eine Kunst stehen, die auf revolutionären Erfahrungen fußt. Realistisch bezeichnet unter Stalin allerdings nur die Art der Darstellung, keineswegs den Inhalt. Auch hier gibt es Herrscherportraits, nur diesmal zeigen sie Stalin. Historien zeigen heroisch blickende Arbeiter oder Lenin, der eine motivierende Rede hält. Angelehnt an die Genremalerei werden Arbeitsprozesse in den Fabriken oder häusliche Arbeit dargestellt.

Zum Teil wurde sogar die Geschichte verfälscht. Es werden Versammlungen eines revolutionären Zentrums unter der Leitung Stalins dargestellt, die so niemals existierten. Es war auch der Beginn eines Personenkults um den Herrscher über die Sowjetunion und eine bewusste Täuschung der Massen zugunsten der herrschenden Kaste, der Bürokratie.

Der sozialistische Realismus ist allerdings keine „natürlich“ gewachsene Kunstrichtung. Neue Kunstrichtungen entstehen immer dann, wenn sich die alten überholt haben. Sie entstehen aus dem Verlangen nach Veränderung heraus. Dieses Verlangen beschränkt sich nicht allein auf die Kunst, sondern auf die gesamte Gesellschaft. Eine neue Richtung in der Kunst zeichnet sich dadurch aus, dass sie noch nicht von der Masse getragen wird, sondern von einer kleinen Minderheit, weshalb sie zu Beginn scharfe Kritik erfährt und sich gegen diese durchsetzten muss. Setzt sich diese Kunstrichtung durch und wird zur Norm, ergeht es ihr bald wie ihrem Vorgänger und sie wird von der nächsten rebellierenden Künstler*innengeneration überholt.

Der sozialistische Realismus hingegen ist nicht von sich heraus entstanden, sondern wurde geformt. Künstler- und Schriftsteller*innenorganisationen, die sich ihm nicht beugten, wurden verboten und die nach der Oktoberrevolution aufblühende vielseitige Kunstszene – mit hervorragenden Beispielen wie Alexander Blok oder Wladimir Majakowski – wurde so drastisch beschnitten. Dem Staat gefährliche oder auch nur nicht passende Kunst wurde fortan denunziert und künstlerischer Widerstand konnte nur noch unter Lebensgefahr und ergo konspirativ gestaltet werden.

Insbesondere nach der Februarrevolution formten sich neue Künstler*innengruppierungen, deren Ziel es war, eine Kunst ohne jeglichen Einfluss des Zarentums oder der Bourgeoisie zu schaffen, die einen Kontrast zur zaristischen Elitekunst darstellte. In der sogenannten „proletarischen Kultur“ (пролетарская культура) sollte sich jede*r aktiv an der Kunst beteiligen können. Der Gründer*innen dieser Organisation hatten den An- spruch, von jeglicher politischer Richtung unabhängig zu sein. Gleichzeitig arbeiteten in der Partei aber auch einige Künstler*innen an einer neuen Kunstform, die „wahrheitsgetreu und historisch korrekt die Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung darstellt […] verbunden mit der Aufgabe die werktätigen Menschen im Geiste des Kommunismus ideologisch zu erziehen“ (Zitat Andrej Schdanow für die Partei auf dem Schriftstellerkongress 1934).

Die Kunst sollte also allein Propagandazwecken dienen. Sie sollte zwar historische Tatsachen wiedergeben, diese allerdings vom Standpunkt der stalinisierten Partei aus. Die Kunst sollte die Menschen „im Geiste des Kommunismus“ erziehen, d.h. ihnen die Parteiideologie vermitteln.

1932 erklärte Stalin den sozialistischen Realismus zur Staatskunst und zur verbindlichen Ästhetik, zur Richtlinie für Literatur, bildende Kunst und Musik. Er wurde als einzige Kunstform akzeptiert und jegliche Tendenzen in andere Richtungen wurden unterbunden. Dementsprechend entstand auch eine auf unterstem Niveau angepasste Hagiographie für den ehemaligen priesterlichen Seminaristen.

Allein die Tatsache, dass Stalin es nötig hat, die Kunst zu zensieren und Künstler*innen, die sich nicht an diese Zensur hielten, politisch zu verfolgen, beweist die Unzulänglichkeit der Sowjetunion. Ein Staat, der die Kunst beherrscht, tut dies, weil er vor einer unabhängigen Kunst Angst haben muss. Kunst selbst dagegen lässt sich nicht einmal definieren, da eine Definition notwendig eine Einschränkung bedeutet, die der Kunst fremd ist.

Leo Trotzki beschäftigte sich ebenfalls leidenschaftlich mit Kunst und Literatur und es war für ihn keine Frage, dass die Kunst frei und unabhängig sein müsste – denn „die Kunst und die Wissenschaft suchen nicht nur keine Lenkung, sondern können von ihrem Wesen her keine dulden.“

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