Porträt der Generation Merkel

Eine ganze Generation von apolitischen Studierenden 
wächst heran und will von Ideologie oder Politik nicht mehr belästigt werden.
Von Hovhannes Sturmvogel, Jura, FU Berlin und Kofi Zulu, Anna Freud OSZ

Mit diesem Jahr wird Angela Merkel nun zehn Jahre Kanzlerin sein. Der Großteil derjenigen, die studieren, kennt keine andere Kanzlerin als sie. In einer Welt, die scheinbar „aus den Fugen“ geraten ist samt dem Krieg in der Ukraine, dem IS-Terror oder der Eurokrise, scheint sie eine Konstante zu sein, die dieser Gesellschaft Sicherheit garantiert. Nicht umsonst führt sie seit Jahren die Umfragewerte an und versteht es, sich als „sorgende Mutter“ in Szene zu setzen. Es ist kein Zufall, dass sie erklärt:
„Die Leute sollen uns Politiker die Politik machen lassen, weil wir so viel mehr davon verstehen“

Was Merkel aber unter Politik versteht, ist nichts als die Durchsetzung der Interessen der herrschenden Klasse. Das sehen wir in einer desaströsen Euro-Politik sowie einer Außenpolitik bzgl. der Ukraine, die mitverantwortlich war, dass im Osten des Landes ein Krieg herrscht. Und so hat sich diese Denkweise anscheinend eingebrannt in das Hirn der Menschen, die vor einer Alternativlosigkeit stehen. Eine weitere Folge davon ist eine stete Entpolitisierung nicht nur der Alltagspolitik, sondern und vor allem einer Gruppe: der Studierenden, die so apolitisch wie noch nie zuvor sind.

Wie hängt das damit zusammen, ist doch gerade die Zeit der Jugend eine Phase des Aufbegehrens oder gar der Rebellion? Und gerade in dieser Lebensphase wollen die Studierenden nichts mehr mit politischen Auseinandersetzungen zu tun haben? Diese These wirkt umso erstaunlicher, bedenken wir, dass wir immer noch in einer Zeit der permanenten Eurokrise leben und der Kalte Krieg scheinbar auf die politische Bühne zurückgekehrt ist. Dennoch gehen immer weniger Studierende auf Demonstrationen, veranstalten Proteste oder begehren in einer anderen Art und Weise auf. Politische Auseinandersetzungen sind immer weniger gewollt. Was wir stattdessen beobachten, ist eine immer stärker werdende Ausrichtung auf das Privatleben und besonders auf die Finanzierung dessen.

Vom studiosus politicus zum studiosus oeconomicus

Trotz des „Krisen- , Kriegs- und Seuchenjahrs“ 2014 blicken weiterhin viele Studierende positiv in die Zukunft nach ihrem Studienabschluss. Ein krasser Unterschied zu den Ländern in Südeuropa, wo eine Massenarbeitslosigkeit unter den Jugendlichen vorherrscht. Hierzulande dagegen gilt es als relativ sicher, nach dem Studienabschluss eine Arbeitsstelle zu bekommen – allerdings höchstwahrscheinlich befristet und prekär. Dennoch nimmt die Jugend diese Gegebenheiten als „natürlich“ hin und sieht prekäre Arbeitsverhältnisse eher als Regel denn als Ausnahme an. Das Konkurrenzdogma des Neoliberalismus wirkt sich vollkommen aus, es wird eher von einer „Ellenbogenmentalität“ denn von Solidarität gesprochen, sowohl was z.B. die Ausbildungsplätze betrifft als auch den Wohnungsmarkt.

Und so kommt es, dass sich die Studierenden nicht einmal für ihre eigenen unmittelbaren Interessen einsetzen oder besser gesagt: können. Denn inmitten all der Illusionen scheinen sie die Hoffnung und Perspektive einer kollektiven Bewegung nicht teilen zu wollen. Wenn mensch angehende Abiturient*innen nach ihren Plänen fragt, stehen Gehalt und ‘Selbstverwirklichung’ nach Abschluss des Studiums ganz oben auf der Liste.

Während vor Jahrzehnten die Universitätszeit als Phase der massiven Politisierung begriffen wurde, wendet sich das Blickfeld der Studierenden vor allem auf das Ökonomische: Fächer der Geisteswissenschaften werden immer mehr vernachlässigt; im Gegensatz dazu werden Fächer mit ökonomischen Nutzen für die Gesamtwirtschaft  immer stärker gefördert. Kein Wunder, denn mit geisteswissenschaftlichen Fächern lässt sich nahezu kein Geld verdienen und so ziehen es Studierenden vor, lieber nach Fächern mit weniger Kritik und mehr Finanzen Ausschau zu halten.

Orientierung sind dabei Punkte und Leistungen für einen optimierten Abschluss in Regelzeit. Nichtsdestotrotz heißt das nicht unbedingt, dass Geisteswissenschaften per se kritisch seien; ganz im Gegenteil: nicht selten dienten diese zur Vorbereitung und Rechtfertigung der herrschenden Ideologie. Nicht selten waren und sind es besonders Geisteswissenschaftler*innen, welche die ideologischen Wegbereiter*innen des Neoliberalismus waren bzw. sind.

Das Interesse an einer wissenschaftlichen Erforschung und Kritik der bestehenden Verhältnisse ist dem Berufsfeld ‘Wissenschaft’ gewichen. Die Aussage “nicht prüfungsrelevant” dient dabei zum Aussortieren von Inhalten, von Diskussionen und kritischem Hinterfragen. Galt früher eine Kultur politischer Streitgespräche und Debatten, so drängt sich heute immer mehr ein Frage-Antwort-Prinzip ohne Reibungsfläche für Konflikte in den Vordergrund.

Im Auge des Wirbelsturms

Doch nur ein frommer Wunsch, nun Sicherheit und Stabilität, Ruhe und Ordnung zu erwarten. Auch in Deutschland ziehen bedenklich graue Wolken heran, vor allem seit Ausbruch des Krieges in der Ostukraine samt dem Erstarken pro-faschistischer Kräfte in ganz Europa.

Von Italien bis Belgien erschüttern Generalstreiks gegen die Spar- und Kürzungspolitik der Troika die politische Landschaft. In Deutschland schafft Amazon es jedoch, ohne größere Gegenwehr in Brieselang tausend Beschäftigte vor die Tür zu setzen, während Unternehmen sich im Union Busting üben, um gegen kämpferische Arbeiter*innen vorzugehen. Im Rahmen der neoliberalen Offensive ist es dabei für Studierende immer schwieriger, die Anforderungen des Studiums mit den oft notwendigen prekären Nebenjobs zu vereinbaren. Doch auch dies wird meist nur als Übergangsphase angesehen und entweder nach einem individuellen Ausweg gesucht oder einem Weg, sich möglichst schmerzfrei anzupassen.

Passend zu zehn Jahren Merkel gibt es dieses Jahr auch den zehnten Jahrestag der Agenda 2010. Und so zeichnet sich diese Generation auch dadurch aus, dass sie nur Niederlagen kennen gelernt hat und als Ausdruck dessen z.B. die Reallöhne seit Jahren nicht mehr angestiegen sind. Dies ist die eine, entmutigende Seite der Medaille. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch und so machen gerade junge Menschen zum ersten Mal Streikerfahrungen und lernen somit, was es heißt, erste unmittelbare Klassenkämpfe zu führen.

Die Jugend muss gemeinsam mit der Arbeiter*innenklasse diesen Kampf annehmen und eigene Antworten und Perspektiven aufzeigen. Denn Merkel selbst wird zwar oft genug als langweilig und spröde dargestellt, jedoch hat sie ein klares Programm und ihre Regierungslinie entspricht klar den Interessen der herrschenden Klasse – nicht umsonst ist sie so lange Kanzlerin.
Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass die kapitalistische Krise nur am äußersten Rand wahrgenommen wird, als ob die Situation der Länder in Europa nur entfernt etwas mit Deutschland zu tun hätte, und die Ausbeutung durch die Bourgeoisie alternativlos wäre.

Dieses Dogma der Alternativlosigkeit ist es, welches große Teile der Jugend quasi in die “innere Emigration” schickt und lautlos werden lässt. Als politische Aktivist*innen bekommen wir deshalb häufig zu hören:
“Gut, dass ihr das macht, aber für mich ist Politik irgendwie nichts.”

Klassenkampf geht uns alle an

Die Ökonomisierung der Unis geht Hand in Hand mit den Angriffen der Regierung auf die Arbeiter*innen (auch an den Unis sind immer mehr Kolleg*innen prekären und befristeten Verhältnissen ausgesetzt), und ist nicht individuell überwindbar, sondern nur durch eine gemeinsame Antwort der Jugend und des Proletariats. Liebknechts Losung “der Hauptfeind steht im eigenen Land” ist damals wie heute aktuell, wie sich im Engagement des deutschen Kapitals in Kriegen und Krisen weltweit und in der Dominanz der Merkel-Regierung innerhalb der EU erkennen lässt.

Dieselben Kapitalist*innen, die Griechenland Sparpläne diktieren, die die Jugend, die Arbeitenden und armen Massen noch mehr ins Elend stürzen, sind es, die apolitische Schulen und Universitäten wollen. Die später prekär Beschäftigten sollen jeden Angriff hinnehmen und sich individuell damit abfinden, anstatt Widerstand und internationale Solidarität mit ihrer Klasse zu organisieren. Nahezu alle gesellschaftlichen Probleme werden zu individuellen erklärt und jegliche Mobilisierungen, die das herrschende kapitalistische System hinterfragen, sollen erwürgt oder kriminalisiert werden.

In Zeiten dieses Klassenkampfes von oben ist es umso wichtiger, als Jugendliche*r an Arbeitskämpfen teilzunehmen und so nicht nur für die Rechte und Arbeitsbedingungen der Arbeitenden von heute zu kämpfen, sondern auch für unsere Arbeits- und Lebensbedingungen von morgen. Daraus leitet sich eine Aktionseinheit ab, die sich gegenseitig zu unterstützen hat: die Einheit der Arbeitenden und Studierenden. In Streiks wie bei Amazon oder dem kommenden Erzieher*innenstreik ist es deshalb wichtig, die streikenden Arbeitskolleg*innen zu unterstützen und ihnen mit kreativen wie inspirativen Aktionen jenseits der Gewerkschaftsbürokratie nicht nur beizustehen, sondern aktiv mitzuwirken, folglich: Ihren Kampf als unseren gemeinsamen Kampf anzusehen.

Damit gelingt es uns auch, Breschen in das Merkel‘sche System der Einfallslosigkeit und Dekadenz zu schlagen. Ziel muss es sein, nicht nur die Universität, sondern die Gesellschaft zu politisieren und im Zuge dessen die Angriffe der Kapitalist*innen auf die Lohnabhängigen abzuwehren. Denn was die meisten Menschen dieser Generation eint, sind die prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse; diese können nur gemeinsam bekämpft werden.

Die Generation Merkel ist deshalb und vor allem auch eine prekäre Generation. Deshalb kämpfen wir für das Streikrecht der Arbeiter*innen in vollem Umfang – deshalb treten wir ein für eine kämpferische Jugend, die einen radikalen Gegenentwurf zur heutigen, geradezu schläfrigen Jugend entwirft und keinerlei Auseinandersetzungen weder mit Justiz, Polizei oder faschistischen Banden scheut. Die Jugend an der Seite der Arbeiter*innenklasse muss nichts und niemanden fürchten; sie kann aber dieser Generation Merkel ein Ende setzen und der herrschenden Klasse selbst das Fürchten lehren.

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